Gut Ding will Weile haben

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Wir haben es eilig im Leben.

Wir haben es eilig im Internet, beim Online-Shopping, der Lieferzeit und diesen endlosen zehn Sekunden, die die Seite manchmal braucht, sich zu aktualisieren. Wir haben es eilig, auf dem Weg zur Arbeit und in den Feierabend, wenn wieder jemand vor uns über die Autobahn schleicht oder zu langsam auf dem Bahnhof geht. In unserer Karriere, wenn das große Geld und die Beförderung nicht schnell genug kommen. In unseren Beziehungen, wenn der oder die Seelenverwandte einfach nicht auftauchen will, auch nicht beim gleichzeitigen Wischen auf vier Apps.

Wir haben es eilig im Leben. Als wäre es ein Sprint, in dem es darum geht, möglichst schnell möglichst viele Meilensteine abzuhaken.

Aber warum benehmen wir uns wie verwöhnte vierjährige und müssen innerlich dem Drang widerstehen, wütend aufzustampfen und zu heulen, wenn jemand nicht schnell genug macht? Warten? Geduld? Diese Dinge werden schnell überflüssig, in einer Welt, die uns mit einem Klick und mit einem Wischen alles zur Verfügung stellt, was wir uns wünschen.

Wirklich alles? Nicht ganz.

Es gibt sie noch, diese Bedürfnisse, diese Ziele, die Zeit brauchen. Hingabe, Einsatz, Leiden­schaft. Die Fähigkeit, uns nicht für das Zentrum des Universums zu handeln. Ein Gefühl, dass uns das mächtige Smartphone nur allzu leicht verleiht. Aber wie immer, sitzt das Problem vor dem Gerät und ist nicht die Technologie selbst.

So sehr willkommener technischer Fortschritt unser Leben auch vereinfacht hat, es gibt Dinge, die sind nicht leicht oder einfach zu haben und werden das auch niemals. Dinge wie, einen großen, sportlichen Titel zu gewinnen. Eine lange, erfolgreiche Karriere. Eine dauerhafte Beziehung, eine wachsende Familie. Die Gründung eines Unternehmens, ein Buch zu schreiben. All das kommt nicht mit einem Klick.

Diese Dinge verlangen Resilienz.

Resilienz ist die psychische Widerstandskraft, die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen.

Langzeitziele verlangen sie uns gerade zu ab, denn Langzeitziele verlangen mehr von uns als sofortige Befriedigung unserer Wünsche. Sie verlangen von uns, auch Rückschläge verkraften zu können. Den Tod eines geliebten Menschen, Fehler und Versagen, Unvorhergesehenes. Langzeitziele zu verfolgen, bedeutet kleine Schritte zu unternehmen die keine sofort messbaren Erfolge mit sich bringen, die weder unsere Ungeduld, noch die unseres Umfelds besänftigen. Kleine Schritte, die irgendwo entlang des Weges großen Erfolg bringen können, aber das kann niemand garantieren. Sie sind so klein, dass sie oft nicht sichtbar sind. Sie verlangen Geduld.

Es ist unmöglich ein langfristiges Ziel zu verfolgen, ohne Rückschläge zu erleiden, egal welcher Natur, denn genau das, macht das Leben aus. Autorin Christina Berndt befasst sich in ihrem Buch Resilienz unter anderem mit der Frage, woher sie kommt. Dabei fasst sie in ihren Ergebnissen zusammen, dass sowohl unsere Umwelt (wie wir zum Beispiel erzogen wurden, welche negativen Erfahrungen wir in unserer Kindheit gemacht haben), als auch unsere Gene (insbesondere der Serotonintransporter) eine Rolle spielen. Aber all das ist wandelbar und trainierbar. Keinesfalls reichen die Gene oder gewisse Erfahrungen in der Kindheit aus, um sich dahinter zu verstecken. Jeder von uns kann seine psychische Widerstandskraft stärken.

Und jeder von uns sollte darauf achten, wie sehr wir uns Stress aussetzen und diese damit schwächen. Da ist einmal der Stress auf der Arbeit, aber auch der Stress, der durch Reizüberflutung entsteht. Berndt zufolge, torpedieren die unendlichen Wahlmöglichktein, welche das Leben von heute uns Menschen bietet, unser Wohlbefinden. Wir stellen uns ständig die Frage, welche der vielen Optionen, die das Leben uns bietet, wir nutzen sollten. Ob es nicht zum Beispiel einen besseren und besser bezahlten Job gibt, als den, den wir seit zehn Jahren machen.

Bei all den Wahlmöglichkeiten scheinen wir allerdings zu vergessen, dass wir auch die Wahl haben, uns zu entscheiden ob und wie wir uns den Herausforderungen des Lebens stellen wollen. Es kommt nicht alles im Leben mit einem Klick, wie das gelieferte Essen vom Restaurant um die Ecke. Manchmal im Leben, muss man raus in den Regen und sein Essen selbst abholen.

Wie entscheiden, wie wir unser Leben führen, eingenommen von der Hektik und dem Stress, darauf aus, möglichst schnell Belohnungen zu bekommen. Oder ob wir auf uns und unsere Resilienz Acht geben, an uns arbeiten und die Geduld haben, auf Langzeitziele hinzuarbeiten. Aber wir sollten nie vergessen, dass Ladefehler oder das dreitägige Warten auf eine Online-Bestellung nicht das schlimmste sind, was das Leben uns zu bieten hat. Und wir sollten mit schlimmerem rechnen, wenn wir auf dem Weg zu größerem sind.

Und endlich an uns arbeiten, als nur an unserer Technologie.

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Author \www.verenawilmes.de\ Instagram:wilmesverena

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Verena Wilmes

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